Erinnern wir uns, Problem Nummer 1: unterschiedliche Kultur. Problem Nummer 2: Fokus und Berichterstattung.
Es ist mein persönlicher Eindruck, dass die Amerikaner beim Thema Kriminalität eine andere Erwartungshaltung an den Tag legen. Während in Deutschland “Haustür nur zuziehen” natürlich nicht ausreichend ist, stehen hier die Autos unabgeschlossen am Straßenrand (unser Auto inzwischen auch), die Fenster sind noch auf (regnet ja eh nie), Haustüren lassen sich auch von außen öffnen (unsere steht den ganzen Tag offen), Briefkästen haben kein Schloss, und so weiter. Gleichzeitig ist die Schwelle sehr niedrig, ab der die Ordnungshüter eingreifen: Aggressives Betteln, betrunkenes Herumpöbeln, krakelende Jugendliche führen kurzfristig zum Einsatz der bunten Lichtorgel. Und das ist so gewollt, denn die Polizei unterliegt sehr direkt der demokratischen Kontrolle. Wenn die Bürger nicht zufrieden sind, hat der Polizeipräsident bald keinen Job mehr. Die Bürger bestimmen, wie viele Polizisten für ihre Stadt eingestellt werden, wie sie bezahlt werden und worauf sie achten sollen. In Santa Cruz z. B. ist das Rauchen von Haschisch zwar verboten, aber sehr niedrig priorisiert: Solange man sich seinen ‘Konischen’ nicht auf der Motorhaube des Streifenwagens zusammenbaut, wird vermutlich nicht viel passieren. Soviel zu den kulturellen unterschieden, polemisch zusammengefasst vielleicht so: An den Baum pinkeln ist hier “Crime” (disorderly conduct), in Berlin ist es lokalkolorit.
Fokus und Berichterstattung. Die USA sind ein sehr großes Land und wer darin Gewaltkriminalität sucht, der wird sie auch finden. Detroit soll ein solcher Hotspot sein, ebenso New Orleans und Ihr erinnert Euch sicher auch noch an unsere Berichte aus Memphis. Der Verfall amerikanischer Großstädte ist ein spannendes Thema und wen interessiert schon, dass es in Geschäften in den USA praktisch nie ‘Warensicherungssysteme’ gibt?
Wie sieht es denn nun statistisch aus. Eine gerne verglichene Zahl ist die Mordrate pro Jahr bezogen auf jeweils 100.000 Einwohner, oft versehen mit dem Hinweis, die ‘homicide rate’ sei in den USA mit 4,8 fünf Mal höher als die Mordrate in Deutschland mit 0,8 [z. B. hier]. ‘Homicide’ bedeutet aber ‘Tötungsdelikt’ und umfasst sowohl Mord (Murder) als auch Totschlag (Manslaughter). Und Totschlag ist in der deutschen Statistik nicht enthalten. In Deutschland sind 2011 723 Menschen ermordet worden oder 0,88 pro 100.000 Einwohner. Dazu kommen 1.451 Totschlagverbrechen oder 1,77 pro 100.000 Einwohner. In der Summe sind wir damit schon bei 3,53 Tötungsdelikten je 100.000 Einwohner. Und das ist nur der Anfang einer ausufernden Diskussion darüber, was genau ein Tötungsdelikt ist, bis hin zur Notwehr, Sterbehilfe oder Abtreibung. Fazit: Die Amerikaner unterscheiden nicht großartig und die Deutschen weisen nur die Fälle aus, in denen niedere Motive nachgewiesen werden können. Im Grunde ein weiteres Beispiel für unterschiedliche Kulturen und falsche Rückschlüsse.
Um diesem Beitrag hier abschließend noch eine freundlichere Wendung zu geben: Kriminalität ist in beiden Ländern auf dem Rückzug, Leben wird immer sicherer. Mir gefällt dazu die Begründung, das läge an der alternden Bevölkerung in den Industrieländern. Und das leuchtet doch ein, wer einen Rollator schiebt, baut nicht eben noch ein Autoradio aus.
Annette
Vor über 30 Jahren hat sie bei ihrer Doktorarbeit plagiiert und das verjährt in Deutschland nicht. Genauso wie Mord.
Der Doktortitel ist in Deutschland eine todernste Angelegenheit, er wird vor dem Namen genannt und es ist unhöflich, ihn einfach wegzulassen. Nur die Österreicher sind größere Titelhuber. Die Österreicher werden dafür von den Deutschen belächelt und beide zusammen von allen übrigen.